Vor einer Weile im Internet aufgetaucht sind sogenannte Twalme, Psalm-Bearbeitungen, deren eingetwitterter Wortlaut vermutlich die humorvolle und up to date befindliche Lebens- und Geisteshaltung des Autors zum Ausdruck bringen soll.
Ein Beispiel für solche Twalme ist:
"Und ob ich schon twitterte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück."
Ein weiteres dieses:
"Er twitterte und es geschah; er befahl und es stand da."
Bisher ist die Twalm-Welle noch überschaubar. Selbst unter Berücksichtigung meiner totalen Recherche-Unfähigkeit kann es sich bisher höchstens um zwei nicht übermäßig beachtete Handvoll handeln, plus eine inspirierte Bitte auf Twitter, noch mehr Twalme zu produzieren.
Man kann man sich schon vorstellen, dass manch Leser so einen Twalm ganz kurios und lustig findet. Pathos gegen Moderne, alt gegen neu, schnell kann da ein klein Späßlein draus werden. Mir dagegen sind die Twalme schon beim ersten Lesen sauer aufgestoßen, weshalb sich die Frage stellt, wieso ich mich mit diesem Phänomen überhaupt beschäftige. Wieso, wenn mir das Ganze ohnehin nicht gefällt, gehe ich nicht einfach drüber hinweg wie über tausend andere Dinge per dies, mensim oder annum auch?
Der Grund ist, dass ich mich einfach mehr als über andere Dinge darüber geärgert habe. Was mich vom ersten Moment an frappant gegen die Gagform Twalm eingenommen hat, ist die offenbare Gedanken- und auch Bezugslosigkeit, mit der hier lustig über eine Form tieferen Gefühls, und sei es auch nur ein imaginiertes, hinwegschwadroniert wird. Vermutlich deshalb haben die Twalme mich sofort auch an mein Lieblings-Feindbild Fritz Vogelind, den Biedermann und IT-Poeten schlechthin, erinnert. Genüsslich würde Vogelind sich über jedem Twalm seinen Bauch reiben und selbst noch ein paar mies gewürzte Twalme hinzufügen.
Recht folgerichtig hat sich mir im Verlauf meines Ingrimms schließlich auch die grundsätzliche Frage nach dem Bezugssystem der Twalmisten gestellt, und mir schwant, dass sie, zumindest auf der selbstreflexiven Ebene, kein wirklich wohldefiniertes besitzen, außer selbstverständlich jenem allgegenwärtigen Geistige-Solisten-im-Internet-Bezugssystem, in welchem alle Dinge sich darum drehen, irgendwie, und dann möglichst viel, Interesse zu generieren.
Natürlich ist das Fehlen eines Bezugssystems noch kein Weltuntergang. Wir leben in einem freien Land, mehr noch im Staate Internet, in einem Rechtsstaat obendrein, jeder darf schreiben, was immer er will, und dies soll hier prinzipiell gutgeheißen werden – fragen möchte ich aber, auch und vor allem, um meinen Unmut und diesen Text überhaupt zu rechtfertigen, welche Bedeutung Leuten wie Vogelind und den Twalmisten zukommt - und lassen sich daraus vielleicht sogar irgendwelche höheren Schlüsse ziehen?
Ich möchte hierzu eine Beobachtung anführen, die mich auch ohne Twalmhuberei bereits seit einiger Zeit beschäftigt.
Es ist diese Beobachtung eine innere Unbeteiligtheit, möglicherweise ein Nicht-Beteiligt-Sein-Können einzelner Personen an den Menschen und Individuen ihres näheren und weiteren Umfelds. Eine Unbeteiligtheit, wie sie wahrscheinlich die ganzen letzten vierzigtausend Jahre schon immer vorgekommen ist, die mir aber doch eine zunehmend starke öffentliche Präsenz zu gewinnen scheint, gerade durch die Personen, die sich irgendwie in der Öffentlichkeit zu äußern versuchen. Dabei meine ich noch nicht notwendig eine pathologische, antisoziale Ausprägung solchen Verhaltens. Was mich vor allem bewegt, ist ein allgemeines Nicht-Ernst-Nehmen als bewusste Haltung. Dieses Nicht-Ernst-Nehmen, man könnte es vielleicht auch als Albernheit definieren, als eine umfassende, als generalisierte Albernheit, zeichnet sich dadurch aus, dass man es mit Humor gerade nicht gleichsetzen kann. Humor setzt emotionale Beteiligtheit voraus. Wer überhaupt nichts mehr ernst nimmt, dem entziehen sich mit dem echten und offenen Lachen schließlich auch Sinn und Daseinsgrundlage des Humors.
Nichts natürlich gegen Humor und "Sich-Lustig-Machen" in allen ihren Ausformungen, der Ironie beispielsweise. Man kann es mit der Ironie zweifellos sehr, sehr weit, ja, bis zum mühsamen Äußersten treiben, und dabei immer noch eine gewisse Qualität behalten (man denke an so geniale wie nicht zimperliche Rundumschläger wie Seth MacFarlane oder an Thomas Mann, den Unvermeidlichen, wenn er gerade zu wenig oder ein bisschen zu sehr "in shape" war). Es muss bei allem humorvollem Tun aber, auf welche Art immer, und sei sie noch so wenig präsent, eine in der Nähe des Themas befindliche Grenze spürbar sein, über welche der Autor nicht hinaus geht. Nur so kann er als Person Gestalt gewinnen, nur so kann ein Witz entstehen. Nihilismus und blanke Dummheit bringen niemanden zum Lachen.
Dieses scheint mir auch mein eigentlicher, und nur ein ganz klein wenig moralingefärbter Kritikpunkt an den Twalmen zu sein: Ohne Zusammenhang über Personen herzuziehen, die es nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst wirklich ernst meinen, und zu diesem Personenkreis zähle ich auch die ursprünglichen Psalmisten, erscheint mir einfach ausgesprochen öde, nicht wenig ärgerlich, überhaupt nicht lustig, nicht untypisch für den oft elend-biederen Ich-hab-hunderttausend-Freunde-Twitter-Hype und deshalb bedenkenswert.
Der Vorteil einer solchen vor Gaudi alles niederwalzenden Einstellung (und dies ist natürlich zu berücksichtigen, schließlich sind wir mittlerweile ja fast alle harte Arbeiter in Appolos, in Axel Springers, in Gottes so gar nicht mehr katholischem Weinberg, schließlich verspürt eine feststellbar wachsende Zahl braver Staats- und Weltenbürger den Wunsch, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren) ist das unendliche Feld von Pointen, das sich auf diese Weise eröffnet. Hat man nun nicht die Möglichkeit, alles durch jeden noch so dünnen Kakao zu ziehen? Alles ist auf diese Art möglich, unbegrenzt Content steht derart auf Abruf bereit. Wie wär's etwa mit Plinius, meine sehr verehrten Twitterer, Damen und Herren:
"An manchen Tagen bin ich voll Niedertracht, twittere, spiele geistesabwesend, bin Mensch."
Oder mit Augustin. Man stelle sich den guten alten, ewig jungen Augustinus vor, wie er dasteht, die Arme gen Himmel reckend, mit himself und HIMSELF mal wieder völlig im Reinen, und tönt:
"Du hast uns doch zu Dir hin erschaffen, oh Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es twittert in Dir."
Oder, und das ist es als Beispiel ja überhaupt! Die Klage einer alten Kambodschanerin über ihre eben von den Khmer, von Godzilla oder von Steven Segal exterminierte Familie:
"Oh, wie weh ist mir ums Herz, Leute, doch hab ich erst mal getwittert und die nächste Backstage-Folge von "Kambodscha sucht den Superstar" gesehen, ist mir bestimmt wieder wohl."
Oder Luther, zu guter und abschließender Letzt, alter Gourmand und Genussmensch, der er war, lifelong für einen Kalauer zu haben:
"Hier twitter ich und kann nicht anders!"
Doch he, was soll der ganze religiös-philologische Kontext überhaupt, da gibt es ja noch viel mehr!:
Jeder ist seines Twitters Schmid – Der Twitter eines Menschen ist unbetatschbar – Wer andern eine Grube twittert, der twittert selbst hinein – He, Du hast ja wohl nicht mehr alle Tassen im Twitter! – Heil Twitter! – Wenn Du twitterst, dass ich twitter, dass Du twitterst, dass ich twitter, und so fort, und so fort.
Das ist es vermutlich, was mich hinter meiner ganzen Echauffage beunruhigt. Weil dann am Ende nicht mehr viel bleibt, vor dem der Einzelne wirklich geistigen Halt macht.
Nur bei einer Sache hört sich auch für Fritz Vogelind und die Twalmisten der Spaß auf: Wenn irgend jemand sich einmischen will. Die Freiheit zu müllen, darin ist man sich einig, muss erhalten bleiben, und zwar für jeden, und wenn wir die Müllproduktion dazu verzehnfachen müssen! Und vielleicht ist dieses, um zu einem Ende zu finden, bei allem Ärgernis gut so. Ein recht verlauster, dreibeiniger Wachhund ist allemal besser als überhaupt kein Wachhund.
Wie so oft während meiner täglichen Internet-Nachdenke, schießt mir wieder einmal Ralf-Timo-Svens langsam alt werdendes Internet-Alter-Ego Rolf-Kevin-Benjamin in den Kopf. Tag für Tag sitzt Rolf-Kevin-Benjamin in irgendeiner Stadt in einem mehr oder weniger anonymen, mehr oder weniger schicken, sehr bewusst gewählten Bistro oder Cafe, über mehrere Stunden, so viel es die Zeit eben erlaubt, man studiert ja schließlich oder hechelt irgendeinem Brotberuf hinterher, vor dem Laptop, durchforstet das Internet nach reizvollen Links oder Neuigkeiten, die man dann per Blog, Twitter oder DEM Super-Experten-Pingomaten überhaupt, am besten alle drei gleichzeitig, weitergeben kann, bis er dann, erschöpft und müde vom geistigen Tagwerk, nach Hause wankt, ja, vielleicht sogar realiter noch jemanden trifft, bevor er, ein paar Stündlein und einen Harald Schmidt später, und vielleicht ohne sich noch einmal vor den Laptop gepflanzt zu haben, ins Bett fällt, und der Tag von Neuem über seiner sich täglich, stündlich, minütlich neuenden, zerstreuten und, so wie bei uns Menschheit üblich, mit viel Illusion befeuerten Halb-Natur-Halb-Internet-Welt erwacht.
Es ist eine harte Arbeit, die sich jedes menschliche Mitgefühl verdient hat, und das Internet unterstützt alle Menschen, ob Gewinner oder Verlierer, wo es nur kann dabei, der Konfrontation mit sich selbst und seiner Innenwelt aus dem Weg zu gehen.
Wie murmelte doch der kaum genesene und noch unter Schock stehende Vogelind, als ihm tatsächlich einmal nichts zum Kringeln, Ablachen, Schenkelklopfen oder Einfach-Was-Andres-Denken eingefallen war: "Es war ein Gefühl, als stünde man in einem gerade von irgendwelchen Robotern sauber gemachten Reinraum. Völlig leer, mit einfach nichts zu verarschen drin!"
Bill Rosenstock, poet, writer, part-time-philosopher, here in his charming, admittedly a little worn out disguise as Rainer "Wilhelm" Maria Rilke during his 1997 - vacation to Lüdenscheid, throwing a rather inspired, greenish-silvery glance at beautiful Megan Crawford-Stangelmeyer and, miming her chaperon, Andreas "Lou" Salomé (both not in picture).